Welt im Wandel

Zwei mächtige Entwicklungen verwandeln seit 1500 die europäische Sicht auf Gott und die Welt: Immer mehr Christen zweifeln an kirchlichen Anweisungen zum richtigen Glauben und suchen nach Alternativen. Und aus einer vermeintlich besseren Seeroute nach Ostasien wächst langsam die Erkenntnis, dass bisher ein ganzer Kontinent übersehen worden war.

Wie reagierten die Zeitgenossen auf diese gewaltigen Umbrüche? Die Ausstellung „Luther, Kolumbus und die Folgen“ beleuchtet in fünf Sektionen eine Welt im Wandel.

Wie gehen wir mit Veränderung um?
KAPITEL I
Drei Helden ?

Unterschiedlicher konnten Sie nicht sein, die drei „Helden“ Luther, Kolumbus und Copernicus. Ihre Namen stehen gleichbedeutend für den Wandel zu Beginn der Neuzeit. Ihre Zeit selbst sah sie aber grundverschieden.

Luther kannte schnell jeder. Zu mutig, provokant und publikumsträchtig waren seine Appelle für ein neues Glaubensverständnis. Copernicus hingegen arbeitete lange im Stillen an seiner Theorie einer Sonne, um die sich die Erde dreht. Unfreiwillig, aber ebenso im Schatten berühmterer Namen stand Kolumbus, der nie ein Buch schrieb und sich als „Mann der Tat“ verstand.

So zeigen die drei „Helden", dass Neuerungen ganz verschieden daherkommen können: als lauter Skandal oder als leiser Prozess. Und dass Veränderung eigentlich gar keine Helden braucht, dass sie sich mit ihnen aber leichter erzählen lässt.

„Allein es war nicht meine Absicht noch Wunsch, dass die Thesen allgemein verbreitet werden sollen.“
Martin Luther, Wittenberg, 1518
Martin Luther als Augustinermönch, Lucas Cranach d.Ä, datiert 1520, GNM, K 868,
Kapsel 114
Luthers Publikationen machten ihn zum Medienstar. Cranach bediente als erster die große Nachfrage nach Porträts des Reformators.
Johannes Schöner: Erdglobus, 1520, GNM, WI 1
„Jenseits ist noch niemand gereist“ ist in Nordamerika zu lesen. Das zeugt vom Bewusstsein über das noch Unentdeckte.
Darstellung des geozentrischen Weltbilds aus der Schedelschen Weltchronik, Hartmann Schedel, 1493, GNM, Inc. 2° 266
Die Vorstellung von der Erde als Zentrum des Kosmos blieb trotz der Ideen von Copernicus im 16. Jh. noch lange dominant.
Was zeichnet für uns einen Veränderer aus?
KAPITEL II
Lust und Last des Neuen

Luthers Zeitgenossen waren sich zunächst einig, in einer „Blütezeit der Wissenschaft zu leben“ (Ulrich Hutten 1518). Allgemeinbildung wurde großgeschrieben. In jedem Bauernhaus gebe es jetzt eine Bibliothek (Ulrich Zwingli 1524).

Neugier blieb zwar offiziell tabu. Trotzdem wurde neugierig ins Äußerste und Innerste der Natur geschaut; ob mit neu erfundenen Fernrohren tief ins All oder bei medizinischen Autopsien von Leichen hinein in den Körper.

Vormals Gewisses wurde nun mit Fragezeichen versehen. Warum stand über Amerika nichts in der Bibel? Lebte man nicht mehr und mehr in einer Welt, „die zu viel wusste“? Ein gefährlicher und simpler Ausweg bot sich an: Die Etikettierung des allzu Fremden als das Böse. So wurde der Kannibale, und nicht der Indianer, zum beliebtesten Bildmotiv auf Karten der Neuen Welt.

„Es knacket die Welt an allen Enden.“
Martin Luther, Wittenberg, 1530
Fragment einer Heiligenstatue, Utrecht, um 1460-80, Centraal Museum, Utrecht, 2622
Durch bilderstürmerisches Handeln wurden die Kirchengebäude von Kultbildern und Bildstiftungen „gereinigt“. Gezielte Schläge ins Gesicht entweihten ehemals heilige Skulpturen.
Darstellung des „Schaligels“ aus dem „Thierbuch“ Conrad Gessners, Zürich, 1563, GNM, N 900, S. 95 r
Im „Tierbuch“ bezeichnete der Naturforscher Gessner das unbekannte Gürteltier als „Schaligel“, um es mit einheimischen Tieren zu vergleichen.
Flugblatt mit Darstellung der brasilianischen Tupinamba, Augsburg, 1505, Bayerische Staatsbibliothek, München, Einblattdrucke V,2
Ein illustriertes Flugblatt zeigt die Einwohner der „Neuen Welt“ dem Reisebericht Amerigo Vespuccis folgend als sexuell freizügige Kannibalen.
Wieviel Veränderung halten wir aus?
KAPITEL III
Endzeit und Erlösung

Seit 1530 wuchs die Gewissheit, in einer letzten, in einer Endzeit zu leben. Martin Luther hoffte auf das baldige Weltende als „lieben Jüngsten Tag“. Das Vordringen des osmanischen Heeres im Osten bestärkte mit der „Türkenangst“ das Endzeitempfinden der Westeuropäer.

Dieses Endgericht wurde seltsamerweise nicht nur als Bedrohung empfunden, sondern auch als Erlösung und Befreiung herbeigesehnt. Ernste Wissenschaftler betrieben „apokalyptische Forschung“: In langen Analysen glaubte man, den Papst in Rom als biblischen Antichrist enttarnt zu haben. Andere entwickelten Berechnungsverfahren, die tagesgenau das nahe Weltenende kalkulierten.

Auch der Nachrichtenmarkt versprach Orientierung in einer unübersichtlich-bedrohlichen Welt: Zahllose „erschröckliche“ Zeitungen jagten in den Geburtsjahrzehnten der „Breaking News“ über das Land und versuchten, aus katastrophalen Ereignissen den Willen Gottes zu ergründen.

„Komm, lieber Jüngster Tag.“
Martin Luther, Eisenach, 1540
Jüngstes Gericht, Pieter Huys oder Jan Manijn (Nachfolge?), um 1550 oder später, Stadtmuseum Simeonstift, Trier, III 0909
Darstellungen der Höllenqualen waren sehr beliebt. Sie sollten zu einem moralischen Lebenswandel angesichts des nahen Weltendes anhalten.
Bildnis Papst Leo X., 1567/1600, GNM, MP 13729, Kapsel 312b
Im Konflikt mit Papst Leo X. entwickelte Luther die Gewissheit, dass sich der Antichrist im Papsttum verborgen hielt.
„Brandhimmel“ über Forchheim, Georg Merckel (Drucker), Nürnberg, 1561, GNM, HB2790, Kapsel 1204
Flugblätter waren Symptom und Motor der Endzeiterwartung, indem sie Nachrichten über die Sichtung apokalyptisch gedeuteter Himmelserscheinungen verbreiteten.
Warum geben wir Veränderung einen Sinn?
KAPITEL IV
Paradies 2.0

Als Alternative zu dieser Endzeitstimmung entwickelten die Zeitgenossen eine andere Bewältigungsstrategie. Wir verdanken ihr unsere heutigen Museen. Seit etwa 1550 schossen an deutschen Fürstenhöfen immer mehr Kunst- und Wunderkammern aus dem Boden. Sie brachten das Fremde buchstäblich in die Kammer. Gesammelt wurde dort alles, was das Welttheater an Dingen zu bieten hatte.

Vielleicht war die Kunstkammer auch Ersatz für einen weiteren Verlust: das langsame Verschwinden des Paradieses aus irdischer Topografie. Die Generationen vor Luther waren noch vom „Garten Eden“ am Rand der Welt ausgegangen. Die Frühe Neuzeit verbannte das Paradies endgültig von der Erde. Entwickelt wurde jedoch ein neues paradiesisches Ideal: die Toleranz. Politisch und sozial hatte sie es zunächst schwer. Denn im Fortlauf des Jahrhunderts änderte sich das Klima gleich in mehrfacher Hinsicht …

"Man sollte sich ein Hinterzimmer einrichten, ganz für sich und genügsam, in welchem man seinem ureigenen Bedürfnis nach Freiheit, Rückzug und Alleinsein nachkommen kann.“
Michel de Montaigne, Bordeaux, 1580, moderne Übersetzung
Elfenbeinpokal, gedrechselt von Maximilian I., Herzog von Bayern, 1609, Bayerisches Nationalmuseum, München, R 4823
Viele Fürsten zogen sich in ihren Kunstkammern von den Staatsgeschäften zurück. Herzog Maximilian I. drechselte dort eigenhändig Elfenbeinpokale.
Rauferei zwischen Luther, Calvin und dem Papst, 1619/20, Stadtbibliothek Ulm, Einblattdruck 16
Das Flugblatt kritisiert die permanenten Konfessionsstreitigkeiten und plädiert für einen toleranteren Umgang mit unterschiedlichen Glaubensansichten.
Frontispiz aus der „Historia naturale" des Ferrante Imperato, Neapel, 1599, Staatsbibliothek Bamberg, 22/H.n.f.17
Volle Bücherregale und Schränke mit zahllosen Naturalien versammeln das zeitgenössische Wissen. Kunstkammern wurden zu Orten wissenschaftlichen Austauschs.
Wo leben wir Veränderung aus?
KAPITEL V
Es wird kälter

Bemerkenswert gleichzeitig verschränken sich vor 1600 ein Naturphänomen und eine juristische Praxis: die „Kleine Eiszeit“ und die „Hexenverfolgung“. Es wurde kälter, in klimatischer wie in sozialer Hinsicht. Die historische Klimaforschung ermittelt immer dichtere Folgen kalter Winter und nasser Sommer für die Zeit. Die Lebensmittelversorgung vieler Menschen war bedroht.

Die Ursachensuche fand Sündenböcke. In ganz Mitteleuropa wurden tausende Prozesse gegen angebliche Hexen geführt und Todesurteile vollstreckt. Die Angeklagten wurden bezichtigt, das schlechte Wetter absichtlich „gemacht“ zu haben. Fantasien vom Wirken des Teufels waren verbreiteter denn je.

Neben dieser Hexenhysterie könnte die Kleine Eiszeit aber noch einen künstlerischen Impuls gegeben haben. Es ist wohl kein Zufall, dass ebenfalls seit etwa 1560 immer mehr „Winterbilder“ gemalt wurden und Einzug in frühe Gemäldegalerien hielten.

„In etlichen Straßen war der Schnee in der Mitte wie ein Deich aufgetürmt, dass man auf die andere Seite nicht sehen konnte (…). Und taten die Wölfe großen Schaden.“
Hermann Weinsberg, Köln, 1571
Eisberg am Pier von Delfshaven, Cornelis Jacobsz van Culemborch, 1565, Museum Rotterdam, 11113
Ein großer Eisberg schob sich im Januar 1565 in den Hafen von Rotterdam und begrub ein Freudenhaus unter sich.
Antwerpen mit zugefrorener Schelde, Lucas van Valckenborch, 1593 (?), Städelmuseum, Frankfurt, 668
Freude und Last des Winters: Vergnügungen auf Schnee und Eis kontrastieren mit Brennholzträgern und Frierenden an einem Feuer.
Hexenzug, gen. „Lo Stregozzo“, wohl Agostino Veneziano, um 1520/40, Kunstsammlungen der Veste Coburg, XII, 4,32
Eine furchteinflößende Reisegesellschaft durchquert eine Sumpflandschaft. Die auf einem Skelett reitende Hexe bereitet ein Gebräu aus kleinen Kindern zu.
Können wir Veränderung steuern?
Epilog
Doch keine Sorge. Die Ausstellung Luther, Kolumbus und die Folgen endet nicht als Tragödie des 16.Jahrhunderts. Am Ende des Ausstellungsrundgangs steht ein Vorschlag zur Versöhnung, den das Jahrhundert selbst und oft formulierte.
Der Kupferstich formuliert ein zeitloses Dilemma: Auf der stetigen Jagd nach den „Latest News“ wird der Mensch zum Narren und verliert sich selbst aus dem Blick.
„Homo bulla est.“
Erasmus von Rotterdam, Venedig, 1508
Das menschliche Leben ist eine Seifenblase (die jederzeit zerplatzen kann).
In heutigen Worten ist gemeint: Nehmt das Leben nicht zu ernst, es ist zu kurz, um davor Angst zu haben. Vielleicht ist dies sogar das heimliche Überlebensmotiv der Epoche gewesen. Man darf es unter all den Reformationen und ihren „Helden" nur nicht übersehen.